Lageplan

Die Kolonie Flora e.V. liegt mitten in der ehemaligen Kolonie Peckwisch.

Parzellenplan

Die heutige Gartenkolonie Peckwisch im Norden von Berlin blickt auf eine lange und landschaftlich geprägte Geschichte zurück. Ihr Name verweist auf eine Zeit, in der das Gebiet noch weit entfernt von Parzellen, Wegen und Lauben war – und stattdessen von Wasser, Wiesen und Tierleben geprägt wurde.

Namensherkunft Peckwisch


Stand der Recherche: 24.04.2025, Autor: Maria Reichert

Eine der bekanntesten Erklärungen zur Herkunft des Namens liefert der Heimatforscher Michael Bayer in seiner Wittenauer Chronik. Demnach bezeichnete „Peckwisch“ ursprünglich ein sumpfiges Wiesengebiet. Historische Varianten wie „Große Peckwisch“, „Große Peckwiese“ oder auch „Poggwisch“ geben zusätzliche Hinweise auf die Beschaffenheit dieser Landschaft.

Der Begriff „Wisch“ stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet so viel wie „Wiese“ – meist im Sinne einer feuchten Niederung. Noch deutlicher wird das Bild bei der Bezeichnung „Poggwisch“: „Pogge“ ist das niederdeutsche Wort für Frosch. Zusammengenommen beschreibt der Name also eine „Froschwiese“ – ein feuchtes, naturnahes Gebiet, das ideale Bedingungen für Amphibien und andere wasserliebende Arten bot.

Ausschnitt Messtischblatt Berlin im Jahre 1872

Tatsächlich bestätigen historische Karten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert diese Deutung. Bis etwa 1930 ist das Gebiet in kartografischen Darstellungen noch als „Gr. Peckwisch“ verzeichnet und als Feuchtwiese ausgewiesen. Solche Flächen waren typisch für die Umgebung des heutigen Ortsteils Wittenau, die lange Zeit von Mooren, Wiesenlandschaften und natürlichen Wasserläufen geprägt war.

Rosenthal und Umgebung auf der Brockhaus-Karte „Berlin und Umgebung“, Brockhaus‘ Konversations-Lexikon, 14. Auflage, 1894, gemeinfrei

Zwischen Roedernallee und den Gleisen der Nordbahn

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Peckwisch in Wittenau ein vielseitig genutztes Landschaftsgebiet. Neben dem Abbau von Torf, der insbesondere bis etwa 1946 eine wichtige Rolle spielte, siedelten sich hier auch mehrere Eiswerke an. Die natürlichen Gegebenheiten boten dafür ideale Voraussetzungen: Aufgrund der geringen Wassertiefe froren die Wasserflächen in den Wintermonaten schnell und vollständig zu.

Diese Bedingungen machten sich sogenannte Eisarbeiter zunutze. Sie schnitten große Eisblöcke aus den zugefrorenen Flächen und lagerten diese in eigens errichteten Schuppen am Rand der Peckwisch. Durch die kompakte Lagerung taute das Eis nur sehr langsam und konnte über Monate hinweg genutzt werden. Unternehmer wie Thater und Mudrack verkauften das gewonnene Eis an die Berliner Bevölkerung – eine wichtige Ressource, um Lebensmittel auch in den Sommermonaten frisch zu halten.

Auch in den wärmeren Jahreszeiten war das Gebiet ein beliebter Ort für Freizeit und Natur. Die Gewässer waren reich an Fischbeständen, insbesondere Karpfen, und zogen zahlreiche Angler an. Nachts wurden zudem Krebse gefangen. Die umliegenden Flächen boten darüber hinaus Lebensraum für verschiedene Tierarten, darunter auch Rebhühner.

Mit dem Bau des Nordgrabens veränderte sich die Landschaft jedoch grundlegend. Dem Gebiet wurde zunehmend Wasser entzogen, sodass die Peckwisch nach und nach verlandete. Der Eisabbau kam schließlich im Jahr 1929 zum Erliegen. Die Betreiber der Eiswerke – im Volksmund als „Eiskönige“ bekannt – klagten daraufhin gegen die Stadt, da sie ihre wirtschaftliche Existenz bedroht sahen. Die Auseinandersetzung endete jedoch mit einer finanziellen Entschädigung, wodurch die Klage hinfällig wurde.

Ein besonderes Ereignis stellte ein Moorbrand am Pfingstsonntag des Jahres 1935 dar. Um das Feuer unter Kontrolle zu bringen, wurde gezielt Wasser aus dem Nordgraben in das betroffene Gebiet geleitet – eine Maßnahme, die zur erfolgreichen Eindämmung des Brandes beitrug.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Peckwisch zusätzlich durch Aufschüttungen verändert. Bauschutt aus großangelegten Bauprojekten in der Berliner Innenstadt wurde in das Moorgebiet eingebracht. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde dieser Schutt teilweise wieder entfernt, um Platz für militärische Anlagen wie Schützengräben zu schaffen. Dabei trat das ursprüngliche Moor erneut zutage.

Nach Kriegsende entwickelte sich die Peckwisch erneut zu einer wichtigen Ressource für die Bevölkerung. Viele Bewohner nutzten das Gebiet, um Torf als Brennmaterial zu gewinnen und so die kalten Winter zu überstehen. Zeitgenössische Berichte, unter anderem aus der Zeitung Neues Deutschland vom 15. Mai 1946, belegen diese Nutzung.

Auch in der Nachkriegszeit blieb das Gebiet Gegenstand wirtschaftlicher Hoffnungen: Ende der 1940er- und Anfang der 1950er-Jahre wurden Probebohrungen durchgeführt, da man Kohlevorkommen in einer Tiefe von etwa 60 bis 80 Metern vermutete. Zu einer tatsächlichen Förderung kam es jedoch nie – die Untersuchungen blieben ergebnislos. (Quelle: 21.04.2026 http://www.wittenauer-geschichte.de/7.html)

1940er Jahre – Zeitungsausschnitt aus dem Tagesspiegel mit Hinweis auf der Suche nach Kohle in der „PECKWISCH“ in Wittenau.

Peckwich ein Tippfehler?

Der Name hat sich auf einer Schautafel der Kolonie geändert – von der ursprünglichen ‚Peckwisch‘, der sumpfigen Froschwiese, hin zur Schreibweise ‚Peckwich‘. Ob das ein Tippfehler ist gilt es noch herauszufinden. Die Vorlage für diese Zeichnung liegt im Archiv der Kolonie Flora e.V..

Erst mit der fortschreitenden Entwicklung Berlins im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert begann die systematische Entwässerung dieser Gebiete. Durch Gräben und Meliorationsmaßnahmen wurden die ehemals sumpfigen Flächen trockengelegt und nach und nach einer neuen Nutzung zugeführt. Aus der ursprünglichen Feuchtlandschaft entstand so eine Kulturlandschaft, die schließlich die Grundlage für die heutige Nutzung als Gartenkolonie bildete.

Die Peckwisch steht damit exemplarisch für den Wandel vieler Berliner Landschaftsräume: von natürlichen Feuchtbiotopen hin zu gestalteten, vom Menschen genutzten Flächen. Gleichzeitig erinnert ihr Name bis heute an die ursprünglichen Gegebenheiten – und an eine Zeit, in der hier noch Frösche statt Gartengeräte den Ton angaben.